Der Künstler Arno Hey

Kunstschmiedelehre, Praktikum in einer Goldschmiede und Metalldrückerei, examinierter Designer und schließlich Kunstschmiedemeister: Ein derartiger Ausbildungsgang, diese Stationen einer Biographie lassen auf einen Kunsthandwerker schließen, der sein Metier stufenweise vervollkommnete und sich darin als Meister erweist. Sicherlich: Von Arno Hey, der den väterlichen Kunstschmiedebetrieb übernahm und ihn fortführt, ist die Rede. Von Arno Hey aus Volkach am Main.

Begnügten wir uns mit diesen Angaben zur Person, wäre Arno Hey bei weitem nicht erfaßt. Denn zu seinem Lebensprozeß und zu seiner Persönlichkeit bedarf es eines zusätzlichen Blickes, wollen wir Arno Hey ganzheitlich sehen. Wesentlich und weitaus bestimmender ist für ihn sein Entschluß, mit seinen freien künstlerischen Arbeiten, die neben seiner kunstgewerblichen Produktion entstanden, bei Hermann Nitsch und Per Kirkeby vorzusprechen. Hinter diesem Schritt verbirgt sich seine Energie, sein Wille, in den freien Raum des immer neuen Versuchs, des von Resonanz und Auftrag unabhängigen künstlerischen Schaffens vorzudringen. Nicht im Gegenüberstand zu seiner bisherigen Ausbildung und Tätigkeit, nicht in Abkehr und Lossagung von ihr, vielmehr in einer Fortentwicklung, quasi im angehobenen Schritt in einen neuen Raum, für dessen Erschließung das Vorangegangene die Voraussetzung schuf.
Nachdem er das Handwerk beherrschte und sich darin als Meister ausweisen konnte, um die Gesetzmäßigkeiten wußte, hielt es ihn nicht in diesem begrenzten Wirkungsbereich: Er drängte hinaus. Es galt zu entdecken, was jenseits des bisher gesteckten Rahmens möglich sein kann. Daß von daher seine Wahl auf den Künstler Hermann Nitsch fiel, verwundert nicht. Grenz- und Freiheitserfahrungen bestimmen beide. Und so kommen sie auch zusammen. Arno Hey nimmt das Studium bei Hermann Nitsch in Frankfurt auf - mit seiner Geschichte und mit seinem Drang, sich neu an einen Anfang zu stellen.

Nicht das vermeintliche und grenzenziehende Vernünftige bestimmt diese Enscheidung; angesichts einer durch den Ausbildungsgang vorgegebenen Berufslaufbahn mit sich abzeichnendem Erfolg scheint sie gerade der Vernunft zu widersprechen. Hier offenbart sich vielmehr der Drang, die Vernunft zu überwinden.

Nachdem das Fremdwörterbuch als Bedeutung des Begriffs "archaisch" von dessen griechischem Ursprungswort benennt: am Anfang stehen, für das Wort "irrational" aussagt, was der Vernunft nicht entspricht oder widerspricht, an das von der Vernunft Faßbare nicht heranreicht, ist der Titel "irrational - archaisch" der Ausstellung von Bildwerken und Objekten von Arno Hey in der Galerie "Marmelsteiner Kabinett" der Diözese Würzburg nicht allein nur auf die präsentierten Arbeiten bezogen, sondern auch auf die Person des Künstlers. Dieser Ausstellungstitel steht für die Identität von Werk und Person. Diese unüberbietbare Identität findet in den Werken, die allesamt vom Willen des Herantastens an das noch nicht Faßbare bestimmt und aus diesem erwachsen sind, ihren tiefen Ausdruck. Hier hat nicht der Kopf eine Idee gezeugt, stattdessen äußert sich eine menschliche Existenz in ihrer ganzen Wesenheit, welche als die eines Suchenden empfunden werden kann. Hier bricht ein Mensch auf, sowohl im Sinne von Öffnung als auch im Sinne von Bewegung.
Was sich der Betrachtung erschließt, ist zum einen ein gesetzter Anfang, von dem aus sich Arno Hey vortastet und seine Formen und Farben fließen läßt. Er respektiert deren Eigenheit der Materialgebundenheit in Formungsmöglichkeit und Fluß. Zum anderen wohnt seinen Werken eine Symbolik inne, die nicht aufgezwungen ist. Sie ist dem Material zu eigen, und Arno Hey schält sie in der ihn auszeichnenden Sensibilität mehr vorsichtig als bezwingend heraus.
Arno Hey nimmt sich zurück und mißbraucht das Material nicht als Vehikel für ein geistiges Gebäude, dessen bildnerische Umsetzung er seinen Materialien aufzuzwängen versucht. Bei aller eigener Dynamik seiner Person vermag er es doch, diese hinter der des Materials zurückzunehmen. Dadurch wird eine beseelte Materialbeziehung spürbar, die Metall und Farbe sein und sprechen läßt, was sie sind bzw. was sie vermögen. Arno Hey leistet zu dieser Äußerung "nur" die Hilfestellung sowohl vom Material her als auch im Blick auf den Rezipienten.

Diesem schöpferischen Prozeß haftet etwas Rauschhaftes an, die unbändige Freude am Material, das sich bei Arno Hey über das Metallische hinaus auch auf die Farbe überträgt. Er unterzieht sich keinem irgendwie gearteten Zwang. Auch darin findet der Titel "irrational - archaisch" seine Rechtfertigung. Hier präsentiert sich jemand, der sich nicht den ungeschriebenen Gesetzen eines Kunstbetriebes zu unterwerfen versucht, sondern sich die Freiheit sucht, die er dann bildnerisch umzusetzen bemüht ist, um sie den Betrachtern seiner Werke als Lebensmöglichkeit, die er für sich erkannt hat, als einen darauf einzulassenden Prozeß vor Augen stellt.
Mich hat bewogen, Arno Hey in seinen freien künstlerischen Äußerungen im Marmelsteiner Kabinett zu präsentieren, einem Künstler zu begegnen, der sich durch seine Ursprünglichkeit auszeichnet. Er schafft, um eine Redewendung unserer Tage aufzugreifen, aus dem Bauch heraus, d.h. mit seiner ganzen Person tastet er sich an eine Freiheit heran, die er und wir nicht auszuloten befähigt sind, für Arno Hey aber zum großen Gestus der Vermittlung ausholt.



Dr. Jürgen Lenssen
Domkapitular
Kunstreferent der Diözese Würzburg

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